11.10.17

Die spirituelle Potenz des Maha-Mantra

 (1. Kapitel von Juwelen des Herzens ; ein Ausschnitt daraus)

Themen: Befreiung aus der materiellen Existenz, verschiedene Religionen, reine Gott-Hingegebene, spirituelle Potenz, verschiedene Qualitäten von Chanten, höchstes Ziel des Lebens.  

Lord Caitanya Mahāprabhu wollte von Śrīla Haridāsa Ṭhākura hören: „Wie werden all die Lebewesen in dieser materiellen Welt vom Ozean der materiellen Existenz befreit?“
Śrīla Haridāsa Ṭhākura erwiderte, dass durch das regelmäßige Chanten des Heiligen Namens jeder von der materiellen Welt befreit werden wird:
harer nāma harer nāma
harer nāmaiva kevalam
kalau nāsty eva nāsty eva
nāsty eva gatir anyathā
(Śrī Caitanya-caritāmṛta, Ādi-līlā, 17.21)
In diesem Zeitalter des Streites und der Heuchelei ist das einzige Mittel zur Befreiung das Chanten des Heiligen Namens des Herrn. Da gibt es keinen anderen Weg. Da gibt es keinen anderen Weg. Da gibt es keinen anderen Weg.“

Das bedeutet, dass es in diesem Kali-yuga keinen anderen Weg gibt, aus der materiellen Welt befreit zu werden außer dem Chanten des Heiligen Namens des Herrn. Das Ausführen von karma (fruchtbringende Aktivitäten), yoga (Mystik), niyama (Vorgang der Einschränkung vom Genießen der Sinne, durch Folgen von Regeln und Regulierungen), oder tapasya (Entbehrung) kann einen nicht vom Kreislauf von Geburt und Tod befreien.

pṛthivīte bahu-jīva-sthāvara-jaṅgama
ihā-sabāra ki prakāre ha-ibe mocana?

Auf dieser Welt gibt es viele Lebewesen,“ sagte Śrī Caitanya Mahāprabhu, „bewegliche und unbewegliche; was wird den Bäumen, Pflanzen, Insekten, und anderen Lebewesen geschehen? Wie werden sie befreit von materieller Bindung?“

haridāsa kahe, prabhu, se kṛpā tomāra
sthāvara-jaṅgama āge kariyācha nistāra

Śrīla Haridāsa Ṭhākura erwiderte: „Mein lieber Herr, die Befreiung aller beweglichen und unbeweglichen Lebewesen findet allein durch Deine Barmherzigkeit statt. Du hast diese Barmherzigkeit schon garantiert und sie befreit.“

tumi ye kariyācha ei ucca saṅkīrtana
sthāvara-jaṅgamera sei hayata’ śravaṇa

Du hast laut den Hare-Kṛṣṇa-mantra gechantet, und jeder, sich bewegend oder nicht bewegend, hat durch dieses Hören profitiert.“

śuniyā jaṅgamera haya saṁsāra-kṣaya
sthāvare se śabda lāge, pratidhvani haya

Mein Herr, die beweglichen Lebewesen, die Deinen lauten saṅkīrtana gehört haben, sind schon befreit worden von Bindung an die materielle Welt; und nachdem die unbeweglichen Lebewesen, wie Bäume, es hören, gibt es ein Echo.“

'pratidhvani' nahe, sei karaye 'kīrtana'
tomāra kṛpāra ei akathya kathana

Tatsächlich jedoch ist es kein Echo; es ist der kīrtana der unbeweglichen Lebewesen. All dies, obwohl unbegreiflich, ist möglich durch Deine Barmherzigkeit.“

sakala jagate haya ucca saṅkīrtana
śuniyā premāveśe nāce sthāvara-jaṅgama
(Śrī Caitanya-caritāmṛta, 
Antya-līlā, 3.67-72)
Wenn lautes Chanten des Hare-Kṛṣṇa-mantra auf der ganzen Welt ausgeführt wird von denen, die Deinen Fußspuren folgen, tanzen alle Lebewesen, bewegliche und unbewegliche, in ekstatisch hingebender Liebe.“

Wenn erstklassige, erhabene Hingegebene des Herrn die Heiligen Namen des Herrn chanten, kann allein diese Klangschwingung, in die Ohren der Lebewesen eingehend, sie befreien von der materiellen Welt.





Selbst nāma-ābhāsa, ein Schatten vom Heiligen Namen, ist sehr wirkmächtig. Ajāmila chantete den Namen seines Sohnes, „Nārāyaṇa“. Es war nur nāma-ābhāsa, und Ajāmila war befreit von der materiellen Welt.

ajāmila putre bolāya bali ‘nārāyaṇa'
viṣṇu-dūta āsi’ chāḍāya tāhāra bandhana

Ajāmila war ein großer Sünder während seines Lebens, aber zur Zeit seines Todes rief er nach seinem jüngsten Sohn, dessen Name 'Nārāyaṇa' war, und die Diener von Lord Viṣṇu kamen, um ihn zu befreien von den Banden Yamarājas, des Super-Intendanten des Todes.“

rāma’ dui akṣara ihā nahe vyavahita
prema-vācī ‘hā’-śabda tāhāte bhūṣita

Das Wort rāma besteht aus den zwei Silben rā und ma. Diese sind ungetrennt und sind geschmückt mit dem liebevollen Wort , was 'oh' bedeutet.“

nāmera akṣara-sabera ei ta’ svabhāva
vyavahita haile nā chāḍe āpana-prabhāva
(Śrī Caitanya-caritāmṛta, 
Antya-līlā, 3.57-59)
Die Buchstaben des Heiligen Namens haben so viel spirituelle Potenz, dass sie handeln, selbst wenn unsauber ausgesprochen.“


Śrīla Haridāsa Ṭhākura sagte zu Śrī Caitanya Mahāprabhu: „Oh prabhu (Meister), Du kommst insbesondere für dieses Zeitalter des Kali. Wenn Du Deinen Segen gibst, dann können alle Lebewesen vom Ozean der materiellen Existenz befreit werden - auf diese sehr simple Weise.“

Dann fragte Caitanya Mahāprabhu: „Insbesondere Yavanas sind stets gegen die Vedische Kultur; wie werden sie befreit von dieser Welt?“
Yavanas denken, dass Ganges-Wasser unrein ist. Aus diesem Grund warfen sie Srila Haridasa Thakura, nachdem sie ihn auf 22 Marktplätzen niederträchtig prügelten, in die Gaṅgā, in der Erwartung, er gehe nach dem Verlassen seines Körpers zu den höllischen Planeten.
Lord Caitanya Mahāprabhu fuhr fort: „Yavanas sind auch Lebewesen; tatsächlich sind sie keine Yavanas und wir sind keine Hindus, Christen, oder Buddhisten - wir sind 'der ewige Diener von Kṛṣṇa'.“

jīvera ‘svarūpa’ haya kṛṣṇera ‘nitya-dāsa’
kṛṣṇera ‘taṭasthā-śakti’ ‘bhedābheda-prakāśa
sūryāṁśa-kiraṇa, yaiche agni-jvālā-caya
svābhāvika kṛṣṇera tina-prakāra ‘śakti’ hay
(Śrī Caitanya-caritāmṛta, 
Madhya-līlā, 20.108-109)
Es ist die wesensgemäße Stellung des Lebewesens, ein ewiger Diener von Kṛṣṇa zu sein, da es die marginale Energie von Kṛṣṇa ist, und eine Manifestation gleichzeitig eins mit- und verschieden vom Herrn, gleich einem molekularen Teil des Sonnenscheins oder des Feuers. Kṛṣṇa hat drei Variationen von Energien.“

Wir sind nicht Inder, Russen, oder Briten; wir sind die ewigen Diener von Kṛṣṇa. Aber da die Yavanas dachten, sie seien Yavanas, fragte Śrī Caitanya Mahāprabhu Śrīla Haridāsa Ṭhākura: „Wie können die Yavanas von der materiellen Welt befreit werden?“


Vyavadhāna-aparādha,
das Vergehen der Separation

Dann erklärte Śrīla Haridāsa Ṭhākura, dass, wenn sie des Herrn Heilige Namen chanten, sie von dieser materiellen Welt befreit werden.
vyavadhāna bedeutet, dass man den Heiligen Namen mit allerlei Arten von Hindernissen chantet. Das wird 'der vyavadhāna-yukta-Heilige Name' genannt oder 'der Heilige Name, behindert durch Blockierungen'.

Es gibt auch den Fall, den Heiligen Namen mit mehr Unreinheit als nāmābhāsa zu chanten oder zu hören; er ist mit größerer Entfernung vom reinen Namen situiert. Je größer die Entfernung ist, desto kleiner ist der Effekt des Namens. Solch Blockierung oder Distanz vom Namen, wo das Chanten einen kleinen oder keinen Effekt gibt, wird nāmā-aparādha genannt oder 'Vergehen'.

Das Blockieren mit vyavadhāna (Separation) ist eine missverstandene Idee, dass Kṛṣṇa's Name und Kṛṣṇa verschieden sind oder getrennt. In anderen Worten, der Glaube, dass die Absolute Wahrheit nicht im Namen residiert und dass deshalb das Chanten des Heiligen Namens einen nicht zur höchsten Realisation der Wahrheit bringen kann, wird vyavadhāna oder 'Separation' genannt. Solange dieser Glaube andauert, ist es unmöglich, Liebe zu Gott zu erreichen.

Es gibt zwei Arten von vyavadhānavarṇa-vyavadhāna (silbische Separation) und tattva-vyavadhāna (philosophische Separation).
Ein Beispiel für varṇa-vyavadhāna ist das Wort hatikari. Die erste Silbe dieses Wortes ist ha, und die letzte Silbe ist ri. Also verbinden sich hier die erste und die letzte Silbe, um uns den Klang oder das Wort hari zu geben. Wenn du das Wort hatikari chantestso chantest du automatisch den Namen des Herrn. Śrīla Haridāsa Ṭhākura erklärte, dass dies vyavadhāna-yukta-nāmābhāsa ist. Die Silben dazwischen sind Hindernisse oder eine Blockierung zum Heilgen Namen. Werimmer den Heiligen Namen auf diese Weise chantet, wird ebenfalls von der materiellen Welt befreit werden - der Heilige Name ist sehr wirkmächtig!


tattva-vyavadhāna ist das Hindernis, verursacht durch das Konzept des Impersonalismus (māyāvāda), gegenwärtig im Herzen des Chantenden. Wenn sein Chanten des Heiligen Namens frei ist von diesen vyavadhānas, mag das Chanten rein sein.




Nāmābhāsa, ein Anschein des Heiligen Namens

Es gibt vier Arten von nāmābhāsa oder 'Anschein des Heiligen Namens':

sāṅketyaṁ pārihāsyaṁ vā
stobhaṁ helanam eva vā
vaikuṇṭha-nāma-grahaṇam
aśeṣāgha-haraṁ viduḥ
(Śrīmad-Bhāgavatam, 6.2.14)
Jemand, der den Heiligen Namen des Herrn chantet, ist sofort von den Reaktionen unzähliger Sünden befreit, selbst wenn er indirekt chantet (um auf etwas anderes hinzuweisen), zum Spaß, als musikalische Unterhaltung, oder auch nachlässig. Dies wird von all den bewanderten Gelehrten der Schriften akzeptiert.“


Beispiele der vier Arten von nāmābhāsa

Das Śrīmad-Bhāgavatam gibt Beweis diesbezüglich; Śrīla Śukadeva Gosvāmīpāda sagt, dass, wenn jemand irgendwie den Heiligen Namen chantet, es einen Effekt haben wird.
saṅketa bedeutet 'andeuten' oder 'auf etwas anderes hinweisen'. Ajāmila wurde von der materiellen Welt befreit, indem er den Namen seines Sohnes Nārāyaṇa chantete; dies wird saṅketa genannt. Er chantete den Namen 'Nārāyaṇa' nicht, um den Herrn anzurufen, vielmehr rief er seinen Sohn. So beinhaltet saṅketa unabsichtliches oder zufälliges Chanten. Chanten in saṅketa oder 'indirekt' bedeutet, dass man den Namen von Viṣṇu oder Kṛṣṇa mit einer spezifischen materiellen Konzeption chantet, oder den Heiligen Namen unabsichtlich chantet, während man an etwas anderes denkt, das gleich klingt. Ajāmila wurde durch saṅketa-nāmābhāsa befreit.

parihāsa-nāmābhāsa bedeutet, den Heiligen Namen in einer scherzenden Stimmung zu chanten, und selbst dies wird einen von der materiellen Welt befreien. Dieser Heilige Name ist sehr wirkmächtig! Manchmal fragen Leute, „Warum chantet ihr 'Kṛṣṇa Kṛṣṇa Hare Hare'? Es scheint, als habt ihr nichts anderes zu tun; ihr chantet immer 'Hare Kṛṣṇa'.“ Besonders in Bengalen, Indien, fragen die Leute, „warum chantest du immer 'Hare Kṛṣṇa'?“ Während solch einer Frage chantet eine Person auch den Heiligen Namen; dies ist parihāsa-nāmābhāsa. Jarāsandha wurde auf diese Weise befreit.

Ein Beispiel von stobha-nāmābhāsa - wenn man Harmonium spielt oder andere
Musikinstrumente und verschiedene Verse und den Hare-Kṛṣṇa-mahā-mantra wiederholt. Man mag chanten während man ein Keybord mit einem Harmonium abstimmt, den Heiligen Namen also auf eine mechanische Weise chantet und nicht mit Liebe und Zuneigung. In anderen Worten, man stimmt einfach das Keyboard und chantet dabei ohne Gefühl. Diese Art des Heiligen Namens ist stobha-nāmābhāsa. Śiśupāla wurde auf diese Weise befreit; durch Chanten des Heiligen Namens mit Spott.

helā-nāmābhāsa ist, den Heiligen Namen in einer nachlässigen Stimmung zu chanten, ohne Geschmack. Manchmal mag man Rückenschmerzen erfahren und chantet den Heiligen Namen, sich Erleichterung wünschend. Speziell in Indien, wenn es einen schlechten Geruch gibt, mag sich eine Person die Nase zuhalten und „Hare Kṛṣṇa“ sagen. Selbst den Heiligen Namen also in helā oder 'Nichtbeachtung' auszusprechen, bringt Nutzen. 

Die mlecchas erreichen Befreiung durch all diese Arten von nāmābhāsa. Auf diese Weise erklärt Śrīla Bhaktivinoda Ṭhākura, wie wirkmächtig der Heilige Name ist.
Śrīla Haridāsa Ṭhākura erklärte, dass die Yavanas auch die Heiligen Namen chanten. Wie tun sie dies? Sie verabscheuen Schweine als unberührbar, und in ihrer Sprache benennen sie Schweine mit 'hā rāma', was 'unberührbar' oder 'abscheulich' bedeutet. Śrīla Haridāsa Ṭhākura erzählte die folgende Begebenheit: einmal ging ein Yavana auf's offene Feld, um Stuhl abzusetzen. Währenddessen kam ein Wildschein auf ihn zugerannt. Als er es sah, rief er, „hā rāma“. Das Wildschwein griff an und tötete ihn, und dann verließ er seinen Körper und erreichte Vaikuṇṭha.

daṁṣṭri-daṁṣṭrāhato mleccho
hā rāmeti punaḥ punaḥ
uktvāpi muktim āpnoti
kiṁ punaḥ śraddhayā gṛṇan
(Śrī Caitanya-caritāmṛta, Antya-līlā, 3.56)

Selbst ein mleccha, der von den Hauern eines Ebers getötet wird, und der in seiner Not wieder und wieder ausruft „hā rāma, hā rāma“, erreicht Befreiung. Was zu sprechen dann von denen, die den Heiligen Namen mit Verehrung und Vertrauen aussprechen.“

Die sāstra (Schrift) erklärt, dass der Heilige Name so wirkmächtig ist, weil 'hā' ein prema-vācī oder prītī-vācī ist, 'ein Wort, das Liebe und Zuneigung zum Herrn zu verstehen gibt'; und 'rāma' ist der Name des Herrn. Śrīla Haridāsa Ṭhākura führte also auf diese Weise aus, „Wenn die Yavanas irgendwie des Herrn Heiligen Namen chanten, können sie auch von der materiellen Welt befreit werden.“

Eine wichtige Sache zu erinnern ist, dass Ajāmila durch Chanten von saṅketa-nāmābhāsa befreit wurdeObwohl er während seines Lebens viele sündhafte Aktivitäten begangen hatte, hatte er niemals ein Vergehen gegen die Lotos-Füße von Vaiṣṇavas begangen !

Śrīla Viśvanātha Cakravartī Ṭhākurapāda und Śrīla Jīva Gosvāmīpāda erklärten sehr deutlich folgende Wahrheit: wenn man keinen aparādha (Vergehen) begeht, wird das Chanten des Heiligen Namens, mit gleich welcher der vier Arten von nāmābhāsa, einen von der materiellen Welt befreieen - wie zuvor besprochen, die vier Arten von nāmābhāsa sind saṅketa, parihāsa, stobha, und helā.

Jedoch, wenn man Vergehen begeht, ist es schwer, nāmābhāsa zu chanten. Nichtsdestotrotz, durch wiederholtes Chanten des Heiligen Namens, durch Dienen zu guru und Vaiṣṇavas, und durch die grundlose Barmherzigkeit von Kṛṣṇa wird eines Tages nāmābhāsa kommen – und dieser nāmābhāsa wird einen von der materiellen Welt befreien.

Unsere Absicht und Ziel ist jedoch nicht mukti oder 'Befreiung' - befreit zu sein von dieser materiellen Welt. Stattdessen ist es, Kṛṣṇa-prema zu erreichen (prema-prayojana), 'Liebe zu Gott' .
Lord Caitanya Mahāprabhu besprach, wie wir Kṛṣṇa-prema bekommen können.